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Die Große Proletarische Kulturrevolution (1966 - 1976)Die
Rotgardisten-Phase (1966-1969):
Wie
prägten die Rotgardisten das damalige Gesellschaftsbild Pekings (Chinas) ?
Wie stehen die ehemaligen Rotgardisten heute zu ihren “revolutionären
Taten”. Und wohin wird der Weg Chinas
führen?
P.S.: Das ist die Leitfrage meines Referats!
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
Bevor ich mich näher mit der Frage beschäftige,
inwieweit die Große Proletarische Kulturrevolution [GPKR] das chinesische
Gesellschaftsbild beeinflußt hat, möchte ich versuchen, das
Wesentliche der GPKR kurz darzustellen.
Die GPKR war eine politisch-ideologische Kampagne in
China in den 60’er und 70’er Jahren des 20. Jahrhunderts, welche von
Lenin entworfen und von Mao Tse-tung 1966 eingeleitet worden war.
Die Hauptursache war der innere Kampf in der
Kommunistischen Partei Chinas [KPCh] zwischen dem Parteivorsitzenden Mao
Tse-tung und dem Pragmatiker und Vorsitzenden der Volksrepublik China Liu
Shaoqi, welcher entgegen dem Willen Maos den seit den 60’er Jahren
aufwärtsgerichteten Trend in der Landwirtschaft mit (notfalls)
kapitalistischen Mitteln fortgesetzt haben wollte, um die Macht, der Kampf
für eine bestimmte Politik. So wollte Mao, der von seiner dritten Frau
Jiang Qing sowie Verteidigungsminister Lin Biao unterstützt wurde, die
Herrschaft der den “kapitalistischen Weg gehenden” Gruppe um den
Staatspräsidenten Lin Shaoqi und Deng Xiao-ping beenden, und selbst wieder
die Macht übernehmen.
Das Bewußtsein der Menschen müsse dabei, so
Mao Tse-tung, wiederholt Korrekturen erfahren. So wandte sich die GPKR gegen die
“Vier Alten”: alte Bräuche, alte Gewohnheiten, alte Kultur und
alte Denkmuster. Obwohl die Armee genügt hätte um den Parteiapparat
zu zerschlagen und Lin Shaoqi abzusetzen, setzte sie Mao anfangs nicht ein. Er
wollte nicht Instruktionen beherrschen, sondern Menschen
verändern.
Die GPKR hatte ihren Ursprung in Schanghai, griff dann
aber schnell auf Peking über. Im August 1966 fanden erste
Massendemonstrationen der “Roten Garden” [RG] - einer Truppe
unzufriedener Schüler und Studenten, die von Mao mobilisiert wurden
“Revolution zu machen” - statt. Die Organisation der KPCh
löste sich auf, “Revolutionskomitees” schossen aus dem Boden.
Im Januar 1967 hatte sich die GPKR in weitere städtische Gebiete
ausgebreitet, zudem gründeten Gegner Maos eigene RG, die GPKR geriet
außer Kontrolle:
Mao setzte die Armee ein.
Im Frühling 1968 starben Tausende bei
Auseinandersetzungen in Guangdong und Guangsei, Kulturschätze wurden
zerstört, traditionelle Opernaufführungen verboten und durch die vier
revolutionären Opern ersetzt.
1969 geriet die Situation dann im Norden durch
Kämpfe an der sowjetischen Grenze sowie im Süden durch den
Vietnamkrieg völlig außer Kontrolle, so daß die KPCh im April
diesen Jahres ihren 9. Parteikongress abhielt und die GPKR als offiziell beendet
erklärte, die GPKR fand jedoch erst 1976 mit dem Tod Maos und der
Verhaftung der Viererbande (Jiang Qing, Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang
Hongwen) ihr wahres Ende.
Da eine Beschäftigung mit der gesamten KR den Rahmen
dieses Referats sprengen würde, werde ich mich vor allem mit dem Beginn,
der sogenannten RG-Phase (Mai 1966 - April 1969) beschäftigen, wobei ich
den Schwerpunkt auf eben diese RG-Bewegung gelegt habe. Im folgenden werde ich
nun versuchen anhand einiger “Situationen” (in Peking), das
Alltagsbild Chinas dieser Zeit zu beschreiben, wobei ich die Beschreibung durch
einige eingefügte ausgewählte Bilder und Originalquellen aufgelockert
habe, welche meiner Meinung nach eine sinnvolle Ergänzung darstellen, da
sie die Atmosphäre dieser Zeit noch bildhafter
beschreiben.
Im zweiten Teil meines Referats werde ich mich dann auf
die heutige Sicht der KR - mit unter aus den Augen der Chinesin Wei Shan Shan -
eingehen, wobei es mir in diesem Teil mehr um die gesellschaftliche Entwicklung
Chinas geht, welche für die Zukunft (nicht nur dieses Landes) noch
bedeutsam sein wird.
Die
Rotgardisten-Phase
Die Roten Garden (hongwei bing), welche ihren Ursprung in
der Pekinger Ch’inghua-Universität gehabt haben sollen, waren eine
unter mehreren Jugendorganisationen in der Volksrepublik China, jedoch gelangten
nur sie durch ihre revolutionären Taten zu Weltruhm. Sicher ist, daß
die jugendliche Teilnahme an der Kulturrevolution durch den am 18. Juni 1966 von
der Pekinger Volkszeitung bekanntgegebenen Beschluß des Zentralkomitees
[ZK] der Kommunistischen Partei Chinas [KPCh] und des Stadtrates wesentlich
gefördert wurde, wonach alle Universtitätsaufnahmeprüfungen um
ein halbes Jahr verschoben werden müßten, damit “der
revolutionäre Elan der linken Studenten und Schüler nicht
abkühlen werde” {1}. Es wurde außerdem festgestellt, daß
bei dem alten Erziehungssystem die Zensuren den Vordergrund gehabt hätten:
nunmehr würden die proletarische Politik und die Massenlinie im neuen
Bildungssystem herrschen {2}.
Die Mitglieder der RG waren angeblich spontan entstandene
Verbände, welche ausschließlich proletarische Elementen enthielten.
Doch in Wirklichkeit eignete sich kaum jemand weniger für respektloses
Verhalten als die im Geiste des Gehorsams und der Disziplin erzogenen
chinesischen Schüler. So sind die RG nicht spontan entstanden, sondern
rekrutierten sich aus den während der Sozialistischen Erziehungsbewegung
entstandenen promaoistischen “Arbeitsgruppen”, welche auf Befehl der
ZK-Kulturrevolutionsgruppe handelten und u.a. von der Armee unterstützt
wurden. Darüber hinaus waren deren Agitatoren oftmals Schüler mit
Charisma, die gut im Umgang mit Worten sein mußten und daher auch entgegen
den “Fünf Roten Arten” (Hong wu lei), welche die Herkunft aus
den Reihen der Arbeiter, Armen Bauern, revolutionären Kader, Soldaten und
revolutionären Märtyrern beinhaltet, aufgenommen
wurden.
Bereits im Juni 1966 prägten die RG an der
Ch’inghua-Unversität das Schlagwort: “Die Rebellion ist der
Kern der Lehre Mao Tse-tungs!” {3}. Sie bekundeten ihren festen Willen,
die “Rebellion der Rechten” gnadenlos zu unterdrücken {4}.
Seitdem stiegen sowohl Ansehen als auch Aktivität der RG. Am 29. Juli soll
Mao Tse-tung der Konferenz verschiedener Gruppen der RG seinen Segen gegeben
haben. Den Höhepunkt erreichten die “heroischen RG” bei der
Massenkundgebung am 18. August, bei der sie zum erstenmal zu Zehntausenden
erschienen. Der bedeutungsvollste Akt dabei war, daß Mao Tse-tung eine
Armbinde der RG akzeptierte und damit zu deren “Oberkommandierenden”
wurde.
Die Hauptaufgabe der RG bestand nun darin die Vier
Relikte (si lao): alte Kultur, alte Sitten, Gewohnheiten und Denkweisen durch
die Vier Neuen (si xin) zu ersetzen. Meist begannen sie damit, daß sie
Straßennamen änderten, Verkehrsampeln umschalteten (“rot”
bedeutete von nun an “freie Fahrt”, “grün” dagegen
(“halt”), und daß sie sich über Blumen-,
Antiquitäten und andere “Luxus”-Läden hermachten.
Später beschlagnahmten die “Kleinen Generäle” Romane,
Schalplatten und Spielkarten, warfen die “bürgerlichen Sofas”
auf die Straße, verprügelten Frauen, die Dauerwelle trugen oder deren
Hosenbeine länger als üblich geschnitten waren, veranstalteten
Bücherverbrennungen oder entweihten Gräber. Am 23.8.1966
erließen die RG-Vereinigungen von Peking ein 23-Punkte-Programm mit ihren
Zielen.
Die Rotgardisten sollten sich im Rahmen der “Vier
Großen”, sowie der “Sechs Kleinen Freiheiten” (Rede-,
Veröffentlichungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit sowie Freiheit
Flugschriften zu verbreiten und Karikaturen anzufertigen) bewegen. Sehr beliebt
waren dabei vor allem die Wandzeitungen, die im Herbst 1966 das Alltagsbild von
Peking entscheidend prägten. Schon bald war ein Wandzeitungs-Krieg im
Gange: Plakate wurden bereits wenige Minuten nach ihrem Erscheinen durch einen
“Gegenschriftsatz” überklebt: Die Städte verwandelten sich
in riesige Papiermontagen. Die Plakate enthüllten Einzelheiten aus dem
Leben von Parteifunktionären, die bis daher unter strengster Geheimhaltung
standen, berichteten über innerparteiliche Auseinandersetzungen, waren aber
auch ein Mittel um alte Rechnungen zu begleichen. Das Instrument der
Wandzeitungen entsprach nach Meinung der Maoistischen Führung ganz der
Massenlinie, insofern als hier die spontane Äußerung der Volksmeinung
in aller Öffentlichkeit durchkam.
Da es die Aufgabe der RG war, Sündenregister gegen
bestimmte Lehrer anzufertigen und an sogenannten Kampfversammlungen
teilzunehmen, ergab sich für die beteiligten Schüler ein großes
Dilemma: Einerseits wollten sie nicht gegen die Lehrer auftreten, andererseits
entschied ihr revolutionäres Engagement über die Aufnahme in eine
Universität. Zudem ließen die “Arbeitsgruppen” keine
Ausflüchte durchgehen, so daß sich die Schüler an Teilnahme bei
diesen “Angriffen”, bei denen man dem betreffenden Lehrer oft eine
Narrenkappe aus Papier aufsetzte und anklägerische Texte auf Brust und
Rücken klebte, um sie durch die Straßen zu führen,
gewöhnten mußte.
Hauptziel einer jeden “Kampfversammlung” war
es ein Geständnis zu bekommen, dabei spielte es jedoch keine Rolle, ob
diese Geständnis echt waren, oder nicht. Um die Geständnisquoten zu
erfüllen, halfen die “Untersuchungsrichter” mit Anschreien,
Drohungen und Folterungen nach. Waren genügend Geständnisse vorhanden,
so durfte das Opfer nicht erstaunt sein, wenn es sich nun plötzlich vor
einem Erschießungskommando wiederfand.
Waren einmal kleinere Chargen niedergeschlagen so wuchs
der Mut der RG und auch die Wohnungen von “revisionistischen” Kreis-
und Provinzkadern wurden das Ziel von Überfällen und
Requierierungsmaßnahmen.
Als besonders attraktiv erwies sich für die RG das
Angebot, zu Zwecken des “revolutionären Erfahrungsaustausches”
(geming zhuanlian) in andere Städte und Provinzen, ja sogar nach Beijing
reisen zu dürfen - ein Zugeständnis der kulturrevolutionären
Führung, das zu einer Völkerwanderung und am Ende zum Kollaps der
chinesischen Verkehrsinfrastruktur führte. Zuerst schwärmten
Schüler und Studenten in die Provinzen aus, es fanden Gründungsfeiern
lokaler RG-Verbände statt, welche sodann formell ausgerufen wurden.
Später strömten in umgekehrter Richtung, Millionen von RG in die
Hauptstadt, wobei sie von der Volksbefreiungsarmee begleitet
wurden.
Zum Standardprogramm gehörte ein Besuch der beiden
berühmten Universitäten Beida und Qinghua, von denen die RG-Bewegung
ausgegangen war. Dort spiegelte sich die Kulturrevolution wie in einem
Brennglas: Professoren und Verwaltungsangestellte hatten Tag für Tag
Kehrdienste zu verrichten und weil aus allen Landesteilen RG
herbeiströmten, war der Campus immer mit Erdnuß- und
Sonnenblumenkernen übersät, welche von den Professoren aufzusammeln
waren. Zwischendurch hatten sich die “akademischen Kriegsherren” den
“Massenkampfversammlungen” zu stellen um sich zu solchen Fragen wie
“Welches Gift hast Du in Deinem Hörsaal den Studenten
eingeträufelt?” zu äußern. Es ist nicht verwunderlich das
zu dieser Zeit an den beiden Hochschulen die Selbstmordrate auf eine
Rekordhöhe anstieg.
Im übrigen hatten Professoren und Assistenten der
Beida täglich von 8.00-11.30 Uhr Mao-Zitate zu lesen und über deren
Bedeutung zu diskutieren. Danach wurde ein Feind verhört, bis man ein
“Schuldgeständnis hatte. Dieses Verfahren wurde dreimal täglich,
oft mit demselben Feind, wiederholt und weil die Beschuldigten im allgemeinen
wenig zu bekennen hatten, standen sie einfach stumm da, während die
Studenten sie anbrüllten und bedrohten. Konnte man einem Feind keine
Geständnisse mehr abbringen wurden wieder Mao-Zitate gelesen.
Die Folgen dieser Methoden waren der Zerfall des
Unterrichts sowie das Aufkommen gegenseitigem Mißtrauens. Erst 1970/71
konnte der normale Betrieb an den Hochschulen wieder aufgenommen werden. 1973
wurden auch die Aufnahmeprüfungen wieder eingeführt.
![]() Mao Tse-tung, (1893-1976), chinesischer
Politiker, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas und Gründer der
Volksrepublik China.
Soweit zur Situation damals ...Doch was ist von der KR
geblieben? Was denken die ehemaligen Rotgardisten heute über ihre
Vergangenheit? Wie bewerten sie die damalige Situation? Hat die chinesische
Gesellschaft eine Entwicklung durchgemacht? Und wohin wird diese Entwicklung
führen?
Zu diesem Thema bin ich auf die 21. Ausgabe des
Sonntagsblattes (DS) aufmerksam geworden, deren Artikel sich auf Berichte
mehrerer Zeitzeugen stützen, denn man kann - so der damals 13-jährige
Ingenieur Wang Zhao Qi- das ganze Ausmaß von Hysterie und Idiotie der KR
nur verstehen, wenn man sie erlebt habe. Er erzählt eine absurde Geschichte
aus seinem Leben, über die man eigentlich lachen könnte, hätte
sie nicht so traurige Konsequenzen gehabt. Sein Vater, erzählt er, sei vom
Buchhalter zum Arbeiter degradiert worden, weil er eine Bemerkung über
Mangos gemacht habe. Im August 1968 hatte Mao Tse-tung dem
Arbeiter-Propagandatrupp der Qinghua-Universität in Peking
Mango-Früchte geschickt, um ihnen seine Unterstützung zu
demonstrieren. In Quonnqing kannte kaum jemand den Begriff Mango, doch sein
Vater der aus dem Süden stammte wußte Bescheid und sagte: Mango, das
ist nichts Besonderes, das ist nur eine Obstsorte. Ja, und das war’s dann!
Ein Geschenk von Mao derart abzuwerten, das mußte bestraft werden. Von dem
Moment an mußte sein Vater schwere Lastkarren durch die hügeligen
Straßen von Qogqing schleppen und ziehen.
Ebenfalls im “Sonntagsblatt” erschienen ist
der Artikel von Frank Sieren, der sich insbesondere auf die Biographie einer
chinesischen Zeitzeugin stützt.
Es ist die Geschichte der gleichaltrigen Wei Shan
Shan, die sich bei dem Gedanken an die KR als 13-jähriges Mädchen
einsam und verängstigt auf der Pekinger Stadtmauer sitzen sieht. Ihr Vater
wurde als “schlechtes Element” aufs Land geschickt, die Mutter auf
dem Fabrikgelände, auf dem sie arbeitete, eingesperrt und die Geschwister
waren unterwegs in China, um Revolution zu machen, kein Gleichaltriger war
bereit mit dem Kind aus der “schwarzen” Familie zu spielen. Drei
Jahre lang gab es keinen regulären Unterricht, statt dessen wurden die
Schüler mit revolutionären Aufgaben betraut. “Wir mußten
aufpassen, daß sich kein Klassenfeind in die Schule einschleicht.”
Um private Vermögen aufzustöbern hatten die Jungen und Mädchen
sogar das Recht, die Wohnungen ihrer Opfer zu durchsuchen. Shan Shan erinnert
sich: “Wir haben die Leute gnadenlos aufgescheucht, unter Betten geschaut
und Schränke aufgerissen. Kinder hatten eine ungeheure Macht. Heute kann
sie sich eingestehen, daß sie “Schlimmes angerichtet” hat.
Aber sie glaubt auch zu wissen, daß die Aggression jener Zeit auch aus
Ängsten gespeist waren, in einer Atmosphäre von Terror und Tod.
“In unserem Wohnblock”, erinnert sich Shan Shan, “hatte jedes
Haus seinen Toten.” Genau gegenüber habe ein Ehepaar Selbstmord
begangen, der Rotgardistensohn einer Nachbarin sei von radikalen
Teenagern einer anderen Fraktion erschlagen worden. Und
dann war da noch ein 15jähriger, der auf der Flucht vor Verfolgungen aus
dem vierten Stock sprang und zum Krüppel wurde. Die Pekinger Stadtmauer,
den Ort ihrer Geborgenheit, mußte sie später eigenhändig
abtragen helfen. Die jahrhundertealten Steine wurden 1969 zum Bau einer
unterirdischen Festung für Mao Tse-tung gebraucht. Shan Shan: “Ich
hatte ein Gefühl von Wehmut, als ich die schweren Steine wegschleppte.
Mittlerweile sind 30 Jahre seit dem Beginn der KR vergangen und noch immer
leidet das Land unter ihren Folgen: Millionen Menschen sind umgekommen,
kulturelle Wurzeln und traditionelle Werte verlorengegangen. So beklagt Wei Shan
Shan das “ideelle und moralische Vakuum” in ihrer
Heimat.
Über eine Begegnung mit Mao Tse-tung berichtet die
heute 49-jährige Geschäftsfrau Dai Jianyan (Name von der
Redaktion geändert), sie habe ihn bei einer
Kundgebung auf dem Tianananmen-Platz gesehen, aus einer so großen
Entfernung, daß sie ihn eigentlich nur als kleinen grauen Punkt wahrnehmen
konnte. Trotzdem fing sie an richtig hysterisch zu weinen. Als im August die
Bewegung “alles alte zu zerstören” begann, kamen Rote Garden an
ihre Universität. Was folgte beschreibt Dai Jianyan schlicht als
“gespenstisch”: Die Roten Garden haben alles (Revolutionäre der
Professoren) verbrannt. Das Feuer loderte, in der Mitte ein konfiszierter Sarg,
drumherum rutschten ihre Lehrer, es mögen um die hundert gewesen sein, auf
Knien, während die roten Garden riefen: Nieder mit den
Kapitalisten!
Helmut Martin, Professor für Literatur und Sprache
an der Universität Bonn, sieht eine “Verrohung der Sitten” als
Konsequenz der gewalttätigen Politphase. Denn: “Wenn du damals deinen
Nachbarn nicht verrietest, wurdest du selber aus dem Fenster
geworfen.”
Laut Harvard-Professor Roderick MacFarquhar habe die KR
die Autorität der Partei zerstört, weshalb die Partei die
Auseinandersetzung mit dieser “Dekade des Chaos” noch immer scheut.
So schlugen Versuche chinesischer Historiker der Politspitze Genehmigungen
für Gedenkveranstaltungen abzutrotzen, fehl. Man will von Seiten der Partei
die Bedeutung der KR herunterspielen und ihr Scheitern auf ideologische und
menschliche Verfehlungen einiger weniger
zurückführen.
1981 veröffentlichte die Partei über Mao jene
Variante, die noch bis heute gilt: Seine Kulturrevolution sei zwar ein
“grober Fehler” gewesen, Maos Leistungen würden seine
Irrtümer jedoch mehr als ausgleichen. Zu “70 Prozent”, so die
Endabrechnung, sei der große Vorsitzende positiv zu
bewerten.
Der Aufarbeitung der “zehn chaotischen
Jahre” waren damit Grenzen gesteckt, obwohl eine Analyse des Geschehens
nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern helfen könnte, wie z.B.
jenem ehemaligen RG, der sich mit Schuldgefühlen plagt, seitdem er einem
Mitglied einer anderen linken Gruppe
die Zunge abgeschnitten hatte. Der Mann hatte seine
Geschichte dem Schriftsteller Feng Jicai gebeichtet, der 1991 hundert dieser
Bekenntnisse in einem Buch veröffentlichte. So geht Feng Jicai davon aus,
daß Aspekte der maoistischen Ära im Reich der Mitte
allgegenwärtig seien.
Die Geschichte verstehen, um daraus zu lernen - das
fordert auch der Filmemacher Wu Wenguang, der mit seiner Dokumentation
“Mein 1966”, für die er mit viel Mühe sogar ehemalige RG
vor die Kamera bringen konnte, zur Vergangenheitsbewältigung beitragen
wollte. Denn die Frage , ob sich so etwas wiederholen könnte, treibt
momentan nicht nur Chinas Intellektuellen um.
Immerhin: Der letzte große Volksaufstand, die
Demokratiebewegung des “Pekinger Frühlings” von 1989, war
friedlich, auf geradezu anrührende Weise freundlich und obwohl deren
Slogans denen der KR stark ähnelten, blieb die Bewegung gewaltlos. Doch die
brutale Niederschlagung dieser sanften Demonstration hat auch die letzten
Chinesen desillusioniert. Zudem läßt die Pekinger Führung
anstatt der KR lieber ans Ende des legendären “langen Marschs”
gedenken.
Die heutige junge Generation der Chinesen hat mit Politik
nicht mehr viel am Hut. “Was ändert es oben, wenn ich unten meine
Stimme abgebe?” so der Kantoner Musiker Mu Lei. Längst hat die Partei
ihre ideologische Macht über große Teile der Bevölkerung
verloren, der Westen trägt zu dieser gesellschaftlichen Öffnung bei.
Selbst unter den Älteren, die ihre Jugend der KR opfern mußten, haben
sich die Werte verschoben, sie haben ihre eigenen Vorbilder und Neidobjekte: Es
sind Vorbilder, nach denen man den eigenen beruflichen Aufstieg plant,
während man für die sozialistischen Helden aus der Propagandaabteilung
nur Gelächter übrig hat.
China verändert sich und westlich gestylte Chinesen
tragen in der Fernsehwerbung die Botschaft der neuen Welt bis in die hintersten
Ecken Chinas. Doch handelt es sich bei diesen nur um eine Minderheit. In den
Staatsunternehmen herrschen weiter die alten maoistischen Kader in den
volkseigenen Betrieben.
Was man jetzt will ist eine starke, autoritäre,
verläßliche Regierung, die das Land ehrlich regiert und die
Bürger in Ruhe läßt, Was den Menschen Angst macht sind
Willkür und Korruption. Dann ist selbst Hitler ein gefragter Mann:
“Deutschland, gut, Hitler”, entgegnet ein Shanghaier Taxifahrer, als
er hört daß sein Gast aus Deutschland kommt. “Der ist aber
schon lange tot, wissen Sie das?” - “Ja, aber er war ein
großer, starker Mann. Er hat das Volk zusammengehalten.” “Aber
er hat doch viele Menschen ermordet.” - “So ist Krieg”,
antwortet er, “manche sterben, manche überleben.” Es wäre
sinnlos, mit ihm über die Errungenschaften der parlamentarischen Demokratie
zu
diskutieren. Er ist vor allem stolz auf sein privates
Taxi. Doch schon seine Kinder werden sich ein Stück mehr des demokratischen
Terrains erobern.
Die Zeit muß reif sein für eine neue
Demokratie. Doch war es deshalb richtig, die Demokratiebewegung 1989
niederzuschlagen, um die Stabilität des ganzen Landes zu retten? Hatte Li
Peng recht, als er am Abend des 19. Mai 1989 mit schriller Stimme rief:
“Wenn wir diese Dinge einfach laufen lassen und diesen unhaltbaren Zustand
nicht bald eine Ende bereiten , könnte eine Situation entstehen, die
niemand gewollt hat!” Das klingt vernünftig, nicht aber die
Konsequenzen die Deng und seine Getreuen daraus zogen, denn sie waren nicht
gezwungen, in die Menge zu schießen und Menschen mit Panzern zu
überrollen, denn der Protest wäre vermutlich mit kleinen
Zugeständnissen friedlich zu Ende gegangen, ohne daß die Führung
ihr Gesicht verloren hätte.
China steht vor einem Spagat, es muß sich
öffnen, und es muß stabil bleiben. Dabei steht keine Zukunftsvision
auf dem Spiel, keine neue Ideologie, sondern etwas, was bereits vorhanden ist.
Etwas, das jedem täglich nützt: die kleinen Freiheiten in einer
schwächer werdenden Diktatur!
![]() Kommentar
Der Hauptgrund für die Wahl dieses Themas lag
für mich darin, daß die chinesische Geschichte in unserem
Geschichtsunterricht überhaupt keine Rolle spielt. Deshalb war es
interessant auf diesem Gebiet einen kleinen Einblick zu bekommen, zumal es
über die KR einige gute Bücher gibt, in welchen diese sehr
übersichtlich und anschaulich dargestellt ist. Darüber hinaus
vermittelt die KR auch einen Eindruck von der chinesischen Gesellschaft, deren
Leben und Aufbau, sowie deren nähere Vergangenheit, über die viele von
uns doch - obwohl China das bevölkerungsreichste Land der Erde ist - im
allgemeinen ziemlich wenig wissen. So war die Beschäftigung mit diesem
Thema sehr lehrreich für mich.
Was beim Verfassen des Referats natürlich sofort
auffällig war, ist die verständlicherweise unterschiedliche
Schreibweise der chinesischen Wörter, vor allem wenn es sich bei diesen
Wörtern um Namen (berühmter) chinesischer Personen (Politiker)
handelt. Um nun im Text zu einer einheitlichen Schreibweise zu kommen, habe ich
mich jeweils an die am häufigsten benutze Schreibweise
gehalten.
Dazu kommen noch “begriffliche
Schwierigkeiten” bei der Übersetzung aus dem Chinesischen, aufgrund
mangelnder Kenntnisse einiger Autoren, da laut Adrian Hsia bei der Flut von
“Lektüre” zu diesem Thema kaum jemand noch weiß, was die
KR ist oder sein soll. Um sachgerechte Studien über China verfassen zu
können, müsse man drei Voraussetzungen erfüllen
können:
Zur Flut der
“Lektüre” und deren jeweiligen Umfang muß bemerkt werden,
daß es wahrlich sehr schwierig ist sich auf einen Umfang von 3000
Wörtern zu beschränken, wobei ich hoffe mit diesen 3000 Wörtern
das Interesse für dieses Thema geweckt zu haben und die im Anhang
aufgeführten Bücher zur gründlicheren Beschäftigung mit
diesem Thema nur empfehlen kann!
Dabei habe ich versucht, meine Hausarbeit nicht auf
(trockene) Zahlen und Fakten zu beschränken, sondern mehr
“Atmosphäre” hineinzubringen, in dem ich verschiedene
“Alltagssituationen” beschrieben habe. Zusätzliche
Primärquellen und Bilder geben hierbei noch einen tieferen Einblick in die
Materie und lockern das Gesamtbild der Hausarbeit auf. Besonders die
Augenzeugenberichte im 2. Teil des Referats geben ein lebendiges Bild Chinas in
den 60’er Jahren ab.
Abkürzungen
Zitate
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